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Der DVG-Sachkundetest rät, einen ängstlichen Hund zu ignorieren

DVG-Sachkundetest: Vier Musterlösungen im offiziellen Fragenkatalog zur BH/VT sind fachlich überholt. Wir zeigen welche und woran wir das festmachen.

Wer bei uns zum ersten Mal eine Begleithundeprüfung ablegen möchte, muss vorher den Sachkundenachweis erbringen. 66 Fragen im Multiple-Choice-Format, verteilt auf fünf Teile, einmal im Leben abzulegen und an die Person gebunden, nicht an den Hund. Wer ihn hat, hat ihn. Wir bereiten euch darauf vor. Geprüft werdet ihr von einem Leistungsrichter des DVG, nach diesem Katalog.

Genau deshalb haben wir uns die Mühe gemacht, den offiziellen Fragenkatalog des DVG einmal vollständig durchzuarbeiten. Nicht die Fragen zu üben, sondern sie zu prüfen. Frage für Frage, Antwort für Antwort, mit der Frage im Hinterkopf: Was lernt eigentlich jemand, der das alles verinnerlicht?

Alles, was hier steht, bezieht sich auf den Fragenkatalog in der Fassung vom August 2026, so wie er zu diesem Zeitpunkt auf der Seite des DVG abrufbar war.

Das Ergebnis hat uns beschäftigt. An vielen Stellen ist der Katalog solide. An einigen ist er einfach alt. Und an vier Stellen steht dort etwas, das wir euch nicht kommentarlos beibringen wollen.

Prüfungsvorbereitung bedeutet für uns nicht, jede Aussage ungeprüft weiterzugeben. Wir vermitteln, welche Antwort erwartet wird, und ordnen sie fachlich ein.

Dieser Artikel ist die Einordnung.

Kurz zum Aufbau

Ein Blick auf die Zusammensetzung hilft, den Rest einzuordnen.

Vierzehn der 66 Fragen handeln nicht von Hunden, sondern von Verbandsstrukturen und Prüfungsformalia: die sieben Fragen des Teils E vollständig, dazu fünf in Teil D und zwei in Teil C. Sechs weitere betreffen Zucht und Fortpflanzung, von der Tragzeit über die Läufigkeit bis zur Dauer des Deckakts. Zusammen also zwanzig von 66 Fragen. Für Menschen, die ihren Familienhund im Verein führen wollen, ist das eine erstaunliche Gewichtung.

Der Katalog bildet neben praktischen Fragen zur Hundehaltung auch Themen des organisierten Hundewesens ab, darunter FCI, VDH, Vereinsstrukturen und Zucht. Diese Themen spiegeln den Prüfungs- und Vereinskontext wider. Für die Bewältigung vieler Alltagssituationen mit Hund spielen andere Kenntnisse eine größere Rolle.

Jetzt zu den Fragen selbst.

Teil A, Aufgabe 10: die Frage, wegen der wir diesen Artikel schreiben

Die Frage lautet: Wie sollten Sie einen ängstlichen Hund beruhigen?

Fünf Antworten stehen zur Wahl. Zwei davon sind offensichtlich als Ablenkung gedacht, ein striktes Kommando und ein heftiger Leinenruck. Bleiben drei ernsthafte Möglichkeiten: dem Hund ruhig und freundlich zureden, ihm ein Leckerchen anbieten, oder ihn nicht beachten.

Als richtig markiert ist: Durch Nichtbeachtung und nach dem Abstellen den Hund loben.

Ruhiges, freundliches Zureden gilt ausdrücklich als falsche Antwort.

Wer diesen Katalog lernt, lernt also: Wenn dein Hund Angst hat, ignoriere ihn. Und wenn er aufgehört hat, sie zu zeigen, lobe ihn dafür.

Warum das nicht stimmt

Die Musterlösung entspricht einer verbreiteten Annahme: Wer einen ängstlichen Hund tröstet, belohne die Angst und bekomme sie beim nächsten Mal stärker zurück. Diese Vorstellung findet sich seit langer Zeit in Teilen der Hundeliteratur und wird auch heute noch gelegentlich vertreten.

Er beruht auf einer Verwechslung zweier Lernvorgänge, die in jedem Grundlagenwerk sauber getrennt werden.

Die Unterscheidung zwischen respondentem und operantem Lernen gehört zu den Grundprinzipien der Verhaltensanalyse: Respondente Reaktionen werden durch vorausgehende Reize ausgelöst und sind gegenüber ihren Konsequenzen relativ unempfindlich, während operantes Verhalten durch seine Konsequenzen beeinflusst wird (Sturmey et al. 2007, DOI 10.1016/B978-0-12-372544-8/50003-3).

Die operante Konditionierung wirkt auf Verhalten. Ein Verhalten, auf das etwas Angenehmes folgt, wird künftig häufiger gezeigt. Das ist der Vorgang, den die Musterlösung im Sinn hat, und für Verhalten stimmt er auch.

Furcht ist aber kein Verhalten. Furcht ist eine emotionale Reaktion. Sie entsteht respondent, also durch die Verknüpfung eines Reizes mit einer Erfahrung. Der Hund, der beim ersten Silvester in Panik geraten ist, hat nicht ein Verhalten gelernt, sondern eine emotionale Bewertung des Reizes: Dieses Geräusch bedeutet Gefahr. Diese Bewertung lässt sich nicht dadurch verstärken, dass ihr ihm anschließend über den Rücken streicht.

Besonders deutlich wird das im zweiten Halbsatz. Die Formulierung „nach dem Abstellen den Hund loben“ legt nahe, dass der Hund seine Angst willentlich beendet und dafür belohnt werden kann. So funktioniert das nicht. Niemand entscheidet sich für Höhenangst, und kein Hund entscheidet sich für Panik beim Böllern.

Was tatsächlich passiert, wenn man der Anweisung folgt, ist Folgendes: Der Hund durchlebt eine Situation, die ihn ängstigt, und er durchlebt sie allein. An seiner emotionalen Bewertung des Reizes ändert sich dadurch nichts. Was sich ändert, ist etwas anderes: Er lernt, dass sein Ausdrucksverhalten folgenlos bleibt. Manche Hunde stellen es daraufhin ein. Sie kleben nicht mehr am Bein, sie winseln nicht mehr, sie ziehen sich zurück und machen es mit sich aus. Von außen sieht das nach Fortschritt aus. Es kann aber ein Hund sein, der sein Ausdrucksverhalten reduziert hat, ohne dass sich die zugrunde liegende Unsicherheit verändert hat.

Ein ehrliches Wort zu den Belegen

Wir wollen es hier genauer nehmen als der Fragenkatalog, deshalb eine Einschränkung in eigener Sache.

Der Satz „Trösten hilft nachweislich“ wäre stärker, als sich belegen lässt. Csoltova und Kollegen haben 2017 in einem Crossover-Design untersucht, wie Hunde auf eine tierärztliche Untersuchung reagieren, einmal während der Halter sie streicheln und ansprechen durfte, einmal während er nur anwesend war. Die Hunde zeigten geringere Anstiege von Herzfrequenz und maximaler Augenoberflächentemperatur und versuchten seltener, vom Untersuchungstisch zu springen, wenn der Halter mit ihnen interagierte (Physiology & Behavior 177:270–281, DOI 10.1016/j.physbeh.2017.05.013). Andere Arbeitsgruppen fanden diesen Effekt allerdings nicht oder nur teilweise, und ein ängstlicher Halter kann den Stress seines Hundes auch erhöhen.

Man muss dazusagen, wie klein diese Untersuchung war: 33 Hunde im Verhaltensteil, bei den Messwerten teilweise nur zehn bis achtzehn Tiere. Und sie fand in der Tierarztpraxis statt. Auf Silvester oder auf Angst vor fremden Menschen lässt sich das nicht einfach übertragen.

Aber darauf kommt es hier gar nicht an. Entscheidend ist die Gegenrichtung, und die ist eindeutig: Es gibt keine Untersuchung, die zeigt, dass Zuwendung Angst verstärkt. Die Musterlösung behauptet damit nicht etwas Umstrittenes, sondern etwas Unbelegtes, und sie markiert obendrein die vertretbare Antwort als Fehler.

Teil A, Aufgabe 20: dasselbe Muster, andere Emotion

Die Frage: Ihr Hund knurrt Gäste an, die die Wohnung betreten. Wie verhalten Sie sich richtig?

Als richtig markiert: Den Hund mit eindeutigem Signal auf seinen Platz schicken. Als falsch gilt unter anderem, die Gäste schon an der Haustür mit Leckerchen zu versorgen.

Knurren ist eine Mitteilung, und zwar eine ausgesprochen höfliche. Der Hund sagt: Mir ist das hier zu nah, ich möchte, dass es aufhört, und ich sage dir das, bevor ich etwas anderes tue. Ein knurrender Hund gibt seinem Gegenüber eine Chance. Er ist damit sicherer als ein Hund, der nicht mehr knurrt.

Wer den Hund fürs Knurren wegschickt, beseitigt die Mitteilung. Den Grund beseitigt er nicht. Der Hund findet die Situation weiterhin unangenehm, er hat lediglich gelernt, dass er das nicht mehr ankündigen darf. Damit kann die Vorwarnung verloren gehen, ohne dass die Ursache des Konflikts gelöst wäre. Das passiert nicht bei jedem Hund und nicht automatisch, der Zusammenhang ist komplizierter. Aber es kann dazu beitragen, dass Warnsignale nicht mehr sichtbar sind und Menschen einen späteren Vorfall als plötzlich und unerwartet erleben.

Dass konfrontatives Vorgehen in solchen Situationen ein messbares Risiko darstellt, ist untersucht. Herron, Shofer und Reisner befragten 140 Halter, deren Hunde in einer verhaltensmedizinischen Sprechstunde vorgestellt wurden, zu dreißig zuvor angewandten Maßnahmen. Hunde, die wegen Aggression gegenüber vertrauten Menschen vorgestellt wurden, reagierten auf konfrontative Techniken wie das Auf-den-Rücken-Drehen oder lautes Anschreien signifikant häufiger aggressiv als Hunde mit anderen Vorstellungsgründen. Bei den nicht-konfrontativen Maßnahmen lag der Anteil aggressiver Reaktionen dagegen zwischen null und sechs Prozent (Applied Animal Behaviour Science 117:47–54, DOI 10.1016/j.applanim.2008.12.011).

Auch hier gehört die Einschränkung dazu: Befragt wurden Halter im Nachhinein, und ihre Hunde waren bereits auffällig geworden. Für Familienhunde allgemein lässt sich daraus nichts ableiten, und beweisen lässt sich damit ohnehin nichts. Was die Zahlen zeigen, ist ein Risiko.

Das Wegschicken auf den Platz ist übrigens nicht per se falsch. Als Sofortmaßnahme, um eine Situation zu entschärfen, ist es völlig in Ordnung. Falsch ist, es als die richtige Antwort auf einen knurrenden Hund zu markieren und die Alternative, dem Hund den Besuch angenehmer zu machen, als Fehler zu führen.

Teil A, Aufgabe 15: zwei Worte zu viel

Die Frage: Wie kann man einem Welpen die Beißhemmung anerziehen?

Als richtig markiert: Beißt er im Spiel zu, das Spiel sofort abbrechen und kurz maßregeln.

Die erste Hälfte dieses Satzes ist gutes Handwerk. Das Spiel endet, wenn es wehtut. Der Welpe lernt darüber, dass er seine Zähne dosieren muss, wenn er weiterspielen will. Das ist eine der elegantesten Lektionen überhaupt, weil sie ohne jede Einwirkung auskommt: Der Welpe verliert etwas, das er haben will, und zwar sofort und jedes Mal.

Die zweite Hälfte ist etwas völlig anderes. „Maßregeln“ bedeutet, dem Welpen etwas Unangenehmes zuzufügen, für ein Verhalten, das in seinem Alter zur normalen Entwicklung gehört. Und sie ist obendrein überflüssig, denn der Spielabbruch hat die Arbeit bereits getan. Was bleibt, ist ein Zusatz, der nichts bewirkt außer Kosten.

Diese Kosten sind inzwischen gemessen worden. Vieira de Castro und Kollegen begleiteten 92 Familienhunde aus sieben Hundeschulen, filmten die Trainingseinheiten und bestimmten Kortisol im Speichel. Hunde aus überwiegend aversiv arbeitenden Schulen zeigten mehr stressassoziierte Verhaltensweisen, hechelten während des Trainings häufiger, wiesen nach dem Training höhere Kortisolanstiege auf und bewerteten in einem Test mehrdeutige Reize pessimistischer als Hunde aus belohnungsbasierten Schulen (PLoS ONE 15(12):e0225023, DOI 10.1371/journal.pone.0225023).

Bemerkenswert ist dabei ein Nebenbefund, der genau auf unsere Frage passt: Auch die Gruppe der Schulen, die nur gelegentlich aversiv arbeiteten, zeigte mehr Stressverhalten als die belohnungsbasierte Gruppe. Das gelegentliche Maßregeln zwischendurch blieb also nicht folgenlos.

Auch dazu die faire Einschränkung: Die Halter hatten sich ihre Hundeschule selbst ausgesucht. Unterschiede zwischen den Gruppen können deshalb auch an den Menschen liegen und nicht nur an der Methode. Die Untersuchung lief in Portugal, im ganz normalen Gehorsamstraining.

Teil A, Aufgabe 5: eine Entwarnung, die die Zahlen nicht hergeben

Die Frage: Ihr Hund ist in eine Beißerei mit einem etwa gleich großen Hund verwickelt. Wie sollten Sie sich in dieser Situation verhalten?

Als richtig markiert: Durch Hör- und Sichtzeichen eingreifen. Die Hunde regeln es normal untereinander.

Der erste Satz ist vernünftig. Aus der Distanz einzuwirken statt hineinzugreifen, ist tatsächlich der sicherere Weg. Der entscheidende Punkt steckt im zweiten Satz – und dort vor allem im Wort „normal“.

Denn richtig ist zunächst einmal: Hunde verfügen über ein reiches Repertoire, Konflikte untereinander zu klären. Zähnefletschen, Körperblockade, kurzes Aufeinanderprallen, lautstarkes Imponieren, und danach gehen beide ihrer Wege. Das sieht für ungeübte Augen dramatisch aus und ist meistens harmlos. Wer da hineingreift, macht es in der Regel schlimmer. Für diese Fälle stimmt die Musterlösung.

Nur beschreibt die Frage etwas anderes. Sie spricht von einer Beißerei, in die der eigene Hund bereits verwickelt ist. Und ob sich das von allein löst, hängt an Faktoren, die die Antwort komplett ausblendet.

Der Größenunterschied ist der erste. Zwischen etwa gleich großen Hunden geht vieles glimpflich aus. Trifft ein sehr großer auf einen sehr kleinen Hund, ändert sich die Rechnung grundlegend, weil ein einzelner Griff bereits schwere Verletzungen verursachen kann.

Die Vorgeschichte der Beteiligten ist der zweite. Ein Hund, der gelernt hat, dass frühe Signale nichts bringen, steigt schneller und heftiger ein. Ein Hund mit Schmerzen reagiert anders als ein gesunder. Ein Hund, der einmal ernsthaft angegriffen wurde, geht früher in die Verteidigung.

Und der dritte Faktor ist die Frage, ob es sich überhaupt noch um Kommunikation handelt. Eine Auseinandersetzung, bei der beide Hunde festhalten und schütteln statt zu drohen und wieder abzulassen, ist kein Regelungsvorgang mehr. Sie endet nicht dadurch, dass man sie laufen lässt.

Wie ernst das werden kann, zeigen Daten aus der tiermedizinischen Versorgung. Eine retrospektive Untersuchung von 1.526 Hund-zu-Hund-Bissereignissen an 1.436 Hunden aus drei Universitätskliniken zeigte, dass solche Verletzungen ein breites Spektrum umfassen, von behandelbaren Wunden bis zu schweren Verläufen. Die Studie untersuchte Wundschwere, Behandlung und Verlauf der Fälle und zeigt damit, dass eine Beißerei nicht automatisch eine harmlose soziale Auseinandersetzung ist (Kalnins et al. 2022, Journal of Veterinary Internal Medicine 36(6):2028–2041, DOI 10.1111/jvim.16574).

Ehrlicherweise gehört die Gegenseite dazu, und sie ist die größere Untersuchung. Cook und Kollegen werteten 12.412 Hunde mit Bissverletzungen aus einem Traumaregister aus. 95,06 Prozent überlebten bis zur Entlassung, 1,01 Prozent starben, 3,93 Prozent wurden eingeschläfert. Die Autoren kommen ausdrücklich zu dem Schluss, dass Hunde mit Bissverletzungen eine sehr gute Überlebensprognose haben (Cook et al. 2026, Journal of Veterinary Emergency and Critical Care 36(1):66–76, DOI 10.1111/vec.70092).

Beide Zahlen zusammen sind der eigentliche Befund: Die allermeisten Hunde kommen durch, und trotzdem endet ein Teil der Fälle schwer. Genau diese Spannweite bildet die Musterlösung nicht ab.

Der zweite Punkt betrifft die Menschen. Wer in eine laufende Auseinandersetzung hineingreift, geht ein erhebliches eigenes Risiko ein. Der Grund ist umgerichtete Aggression: Ein Hund in hoher Erregung unterscheidet nicht mehr zuverlässig zwischen Gegner und Helfer, auch nicht zwischen Gegner und eigenem Menschen. Genau davor warnt die Musterlösung mit ihrem ersten Halbsatz zu Recht. Nur lässt sie den Halter anschließend ohne jeden Hinweis darauf, was er stattdessen tun soll, wenn Rufen und Sichtzeichen nichts bewirken.

Zu beiden Untersuchungen gehört dieselbe Einschränkung: Sie erfassen nur Hunde, die es überhaupt in eine Klinik geschafft haben. Wie oft eine Rangelei folgenlos ausgeht, sagen sie nicht. Bei Kalnins kommt hinzu, dass die Arbeit vorrangig den Einsatz von Antibiotika untersuchte. Und die Zahlen von Cook betreffen Bissverletzungen allgemein, nicht ausschließlich Auseinandersetzungen zwischen Hunden. Genau das ist aber auch der Punkt: Beide Enden der Skala existieren, und eine Prüfungsantwort, die pauschal Entwarnung gibt, hilft niemandem, sie auseinanderzuhalten.

Was uns an der Musterlösung stört, ist deshalb nicht, dass sie falsch wäre. Es ist, dass sie ein einziges Wort benutzt, um eine Bandbreite von harmlosem Imponieren bis zur lebensbedrohlichen Verletzung zuzudecken, und den Halter ohne jeden Hinweis darauf lässt, woran er den Unterschied erkennt.

Kleinere Ungenauigkeiten, die trotzdem stören

Die vier Punkte oben sind die schweren. Daneben stehen einige Stellen, die für sich genommen niemanden gefährden, in einer offiziellen Sachkundeprüfung aber nichts verloren haben.

Die Rute als sicherer Stimmungsanzeiger. In Teil A, Aufgabe 2 gilt die Aussage als zutreffend, die Haltung des Schwanzes sei ein sicherer Stimmungsanzeiger. Sie ist es isoliert betrachtet gerade nicht. Die Rute bewegt sich auch bei Erregung, bei Konflikt und bei Unsicherheit. Ausgerechnet die Gleichung „wedelt, also freundlich“ steht am Anfang vieler Zwischenfälle, gerade mit Kindern, und ausgerechnet sie wird hier bestätigt.

Die Reizschwelle. In Teil D, Aufgabe 7 wird „hohe Reizschwelle“ mit „der Hund reagiert sehr ausgeglichen“ gleichgesetzt. Eine hohe Reizschwelle bedeutet, dass es einen stärkeren Reiz braucht, bis eine Reaktion einsetzt. Das ist eine Beschreibung, keine Bewertung. Ob ein Hund mit hoher Reizschwelle ausgeglichen wirkt, ist eine andere Frage, und wenn die Schwelle einmal überschritten ist, kann die Reaktion durchaus heftig ausfallen.

Sozialisierung als Mengenangabe. In Teil A, Aufgabe 11 lautet die richtige Antwort auf die Frage, wie man einen Problemhund vermeidet: durch konsequente Erziehung und ein großes Angebot von Alltagssituationen in frühem Alter. Entscheidend ist hier das Wort „groß“. Sozialisierung ist keine Frage der Reizmenge, sondern der Qualität einzelner Erfahrungen. Ein Welpe, der viel erlebt und dabei regelmäßig überfordert wird, ist schlechter dran als einer, der wenig erlebt und dabei jedes Mal die Erfahrung macht, dass er die Situation bewältigt. Formuliert wie hier lädt die Antwort dazu ein, junge Hunde durch Fußgängerzonen und Bahnhöfe zu schleifen.

Der Rückruf, der nicht klappt. Teil A, Aufgabe 4 fragt, was zu tun ist, wenn der Hund trotz mehrfachen Rufens nicht kommt. Richtige Antwort: sich ruhig umdrehen und weggehen. Als Notfallmanagement ist das brauchbar. Auffällig ist etwas anderes: Keine der fünf Antwortmöglichkeiten kommt auch nur in die Nähe des eigentlichen Punktes, nämlich dass ein Rückruf aufgebaut werden muss und dass ein Hund, der nicht zuverlässig kommt, in bestimmten Situationen nicht frei laufen sollte.

Der Tollwutsperrbezirk. In Teil C, Aufgabe 3 gilt als richtig, dass ein geimpfter und zuverlässig gehorchender Hund in einem Tollwutsperrbezirk frei laufen darf. In einem Sperrbezirk gelten die Anordnungen der zuständigen Behörde, und die sehen üblicherweise Leinenzwang vor. Ob der eigene Hund gut hört, ist dabei kein Kriterium. Eine Prüfungsfrage, die Haltern beibringt, sie könnten das anhand des eigenen Hundes beurteilen, führt in die Irre.

Das Baurecht. Teil C, Aufgabe 1 führt Baurecht als das Rechtsgebiet, das für Hundehalter nicht wichtig ist. Wer schon einmal einen Zwinger errichten, eine Zaunhöhe klären oder in einer Wohnanlage über Hundehaltung streiten musste, sieht das anders.

Was gar nicht vorkommt

Manchmal sagt das Fehlende mehr als das Vorhandene. In 66 Fragen findet sich:

Nichts zu Schmerz als Ursache von Verhaltensänderungen. Dabei ist der plötzlich unleidliche Hund einer der häufigsten Fälle überhaupt, und erstaunlich oft steckt eine körperliche Ursache dahinter.

Nichts zu Stress, seinen Anzeichen und seinen Folgen.

Nichts zum Alleinbleiben, obwohl Trennungsstress zu den häufigsten Problemen in Haushalten mit Hund gehört.

Nichts zum Verteidigen von Ressourcen, obwohl es einer der häufigsten Anlässe für Bisse innerhalb der eigenen Familie ist.

Und über die eine unglückliche Rutenfrage hinaus nichts zur Körpersprache. Kein Beschwichtigungssignal, kein Meideverhalten, keine Anspannung, nichts, woran man erkennen würde, dass ein Hund kurz davor ist, die Situation nicht mehr auszuhalten.

Das ist eine seltsame Lücke für eine Prüfung, die Beißunfälle verhindern soll.

Und was gut ist

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Der Katalog ist nicht durchgehend schlecht. Er ist an bestimmten Stellen alt, und an anderen ist er besser als sein Ruf.

Die schönste Frage ist Teil A, Aufgabe 13. Sie fragt, was sich nach einer Kastration mit Sicherheit voraussagen lässt, und die richtige Antwort lautet: Ob überhaupt und wie sich der Hund verändert, ist nicht sicher voraussagbar. Das ist präziser und ehrlicher als vieles, was Halter zu diesem Thema an anderer Stelle zu hören bekommen.

Auch sonst steht einiges richtig da. Das Nase-in-die-Pfütze-Stupsen beim Stubenreinheitstraining wird klar als falsch geführt. Der Leinenruck beim Aussteigen aus dem Auto ebenso. Die Vorstellung, Anleinen schade dem Selbstbewusstsein, wird als Unsinn gekennzeichnet. Der Hund wird nicht aus dem Auto gelassen und dann angeleint, sondern angeleint und dann herausgelassen. Kinder und Hunde gehören nie ohne Aufsicht zusammen. Der Jogger wird nicht angebellt, sondern der Hund angeleint.

Das sind vernünftige, alltagstaugliche Antworten, und wer sie verinnerlicht, macht vieles richtig.

Umso mehr fällt auf, dass ausgerechnet bei Angst, Knurren und Beißhemmung etwas anderes steht.

Was das für euch heißt

Ihr müsst diese Prüfung bestehen, und wir helfen euch dabei. Der offizielle Fragenkatalog steht beim DVG zum Üben bereit, und für die Prüfung lernt ihr die Antworten so, wie sie dort markiert sind. Daran führt kein Weg vorbei, und es wäre unehrlich, euch das anders zu verkaufen. Der Leistungsrichter prüft nach diesem Katalog, und wir haben darauf keinen Einfluss.

Aber wir sagen euch dazu, was ihr danach getrost wieder vergessen dürft.

Wenn euer Hund Angst hat, dann seid für ihn da. Ihr könnt Angst nicht belohnen. Ihr könnt einen Hund nur allein damit lassen.

Wenn euer Hund knurrt, dann hört zu. Das Knurren ist nicht das Problem, sondern die Nachricht darüber.

Wenn der Welpe im Spiel zu fest zubeißt, endet das Spiel. Mehr braucht es nicht, und mehr sollte es nicht sein.

Und wenn zwei Hunde aneinandergeraten, dann verlasst euch bitte nicht darauf, dass sich das schon von allein regelt.

Wer darüber reden möchte, spricht uns auf dem Platz an. Dafür sind wir da, und dafür üben wir mit euch.

Stand August 2026. Wir haben den Fragenkatalog nochmals im August 2026 abgerufen und ausgewertet. Sollte eine Überarbeitung folgen, aktualisieren wir diesen Artikel gerne. Wer bemerkt, dass sich etwas geändert hat, sagt uns bitte Bescheid.

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